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Samstag, 9. März 2013

Literaturtipp: Der Hase mit den Bernsteinaugen


via Graphics Fairy
Für Band zwei wollte ich etwas weiter zu japanischer Kunst recherchieren  vor allem die kleinen inro genannten Behälter, die man am Gürtel trug, hatten es mir angetan. Ich wollte mehr über diese Objekte und die Geschichte der abendländischen Faszination mit fernöstlicher Kunst erfahren. So stiess ich auf Edmund de Waals Der Hase mit den Bernsteinaugen – ein beeindruckendes und faszinierendes Buch, das in essayistischer Schreibweise ungemein viel Wissen, aber noch mehr Menschlichkeit vermittelt.

Edmund de Waal ist ein englischer Keramikkünstler, dessen Werke stark von der japanischen TöpferTradition beeinflusst sind; zudem betätigt er sich auch als Dozent für Kunstgeschichte und Ausstellungskurator. Der Hase mit den Bernsteinaugen erzählt die Geschichte einer Kunstsammlung, die de Waal von seinem in Japan lebenden Grossonkel Izzie erbte. Diese Sammlung besteht aus über 250 netsuke, kleinen geschnitzten Objekten, die man im alten Japan als Gegengewicht zum inro ebenfalls am Gürtel trug. Netsuke sind oft sehr aufwendig gearbeitete kunsthandwerkliche Meisterstücke, weshalb sie auch zu beliebten Sammlerstücken wurden.*

Doch einfach zu sagen, dass de Waal von Paris über Wien und Tokio nach London (mit einem Umweg über Odessa) die Geschichte der netsuke recherchierte, bedeutet, dem Buch und seinem Autor nicht gerecht zu werden. De Waal geht ganz bewusst nicht wie ein Historiker vor, dies trotz beeindruckender historischer Recherche (so erfährt man beispielsweise nebenbei spannende Details zur Architekturgeschichte von Paris und Wien). Er benutzt die Geschichte der Sammlung nicht als Aufhänger für eine kunsthistorische Abhandlung, vielmehr beharrt er auf einer taktil definierten Perspektive: Er will nicht einfach wissen, wer die Sammlung aufbaute und wie sie von Generation zu Generation weiter gereicht wurde. Vielmehr kehrt de Waal immer wieder zu den netsuke zurück  will wissen, wie sie aufbewahrt wurden, in welcher Umgebung sie ausgestellt wurden; wer sie in die Hand nehmen durfte und wer nicht; wer sie sehen konnte und wer nicht. (Vor allem die letzteren beiden Fragen spielen im vielleicht eindrücklichsten Kapitel des Buches eine Schlüsselrolle). Daraus ergibt sich eine Intensität der Erzählung, der man sich kaum entziehen kann.

De Waal verweigert sich auch dem Blickwinkel des Familienhistorikers und das ist angesichts der Saga, die sich hier verbirgt, eine eindrückliche Leistung. Der volle Name des Grossonkels Izzie lautete nämlich (Baron) Ignaz Leo Ephrussi. Die Ephrussis stammten aus der Ukraine, wo der Patriarch der Familie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein auf Getreidehandel gegründetes Imperium erschuf; seine Söhne schickte er nach Paris und Wien, wo sie zur Gründerzeit den Ausbau des Familiengeschäftes vorantrieben und Bankhäuser eröffneten. Der Reichtum der Familie war sagenhaft, ebenso ihr Ruf als Kunstsammler. Mit den Rothschilds waren die Ephrussis verschwägert. Die Geschichte der Ephrussis in Paris und Wien ist voller schillernder Namen: Charles Ephrussi, der die netsuke Sammlung in den 1870er Jahren in Paris anlegte, war Kunsthistoriker und Publizist. Er war mit allen grossen Namen des Impressionismus bekannt und soll Proust als eines der Vorbilder für Swan gedient haben. Elisabeth von Ephrussi, de Waals Grossmutter, verfasste in ihrem Zimmer im Palais Ephrussi, einem der prächtigsten Gebäude an der Wiener Ringstrasse, Gedichte, die sie Rilke zur Begutachtung sandte. De Waal bemerkt in seiner Einleitung (die übrigens der einzig etwas schwerfällig zu lesende Teil des Buches ist, es lohnt sich aber durchzuhalten), dass es leicht gewesen wäre, melancholische Bilder einer perfekten Belle Epoque Welt und deren Untergang zu beschwören  sich einer sepia-getönten Saga des Verlustes hinzugeben. Doch er verweigert sich den Versuchungen der Nostalgie ebenso wie der historischen Analyse: die netsuke bleiben der stete Bezugspunkt der Geschichte, die er erzählen will. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – wird er den vielen Persönlichkeiten, die mit den netsuke in Berührung kamen, in Charakterbildern, die Widersprüche, Lücken und Risse zulassen, gerecht.

Der Hase mit den Bernsteinaugen ist keine kunsthistorische Abhandlung und doch erfährt man viel über japanische Kunst und ihre Rezeption im Abendland im sogenannten Japonisme, über den Impressionismus und den Kulturbetrieb im Paris des späten 19. Jahrhunderts. Der Hase mit den Bernsteinaugen ist auch keine Studie über den Aufstieg und Fall einer jüdischen Dynastie und doch sind die Themen Assimilation und Antisemitismus stets gegenwärtig, manchmal nur im Hintergrund und dann wieder in ihrer ganzen bedrückenden Wucht, dies vor allem in den Kapiteln zum Anschluss: das Palais Ephrussi gehörte zu den ersten Häusern, die 1938 arisiert wurden. Wie die netsuke den Zweiten Weltkrieg überstanden und wie sie zurück zur Familie Ephrussi fanden, sei nicht verraten; gerade hier zeigt sich die Stärke von de Waals Ansatz – die Wucht seiner Erzählung entfaltet sich in der Beantwortung der oben erwähnten scheinbar so schlichten Fragen.

Der Hase mit den Bernsteinaugen ist eine aussergewöhnlich poetische, manchmal schmerzhafte und manchmal wunderschöne Reise durch die Zeit, die sich jedem Versuch einer Kategorisierung konsequent entzieht. Ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.

Edmund de Waal: The Hare with Amber Eyes:  a Hidden Inheritance, London 2010 / deutsch: Der Hase mit den Bernsteinaugen – Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi, Wien 2011.


*In der Sammlung, die de Waal erbte, befindet sich auch ein in Form eines Hasen gearbeiteter netsuke und so kam das Buch zu seinem Titel.

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