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Sonntag, 11. Januar 2015

Heian Hofdamen – Murasaki Shikibu (ca. 973 - ca 1014 od. 1025), die begnadete Geschichtenerzählerin





Komatsuken: Murasaki Shikibu (1765)
via Boston Museum of Fine Arts (mfa)
Murasaki Shikibu war eine Zeitgenossin und Rivalin von Sei Shonagon. Ihr literarischer Ruhm geht vor allem auf die Geschichte vom Prinzen Genji zurück, die als einer der ersten Romane der Literaturgeschichte gilt (zur Bedeutung des Werkes für die Gattung gibt es eine lebhafte Debatte.)

Murasaki Shikibu stammte aus niederem Adel. Nach dem frühen Tod der Mutter übernahm der Vater ihre Erziehung. Er galt als Gelehrter und Meister der chinesischen Kalligraphie. Murasaki Shikbus Erziehung war ungewöhnlich: Adelige Eheleute lebten oft getrennt; die Kindererziehung oblag der Frau bzw. ihrer Familie. Zudem lehrte sie der Vater auch die chinesische Sprache.

Murasaki Shikibus Ehemann war erheblich älter und starb nach wenigen Jahren. Aus dieser Verbindung ging eine Tochter hervor, welche sich ebenfalls als Dichterin einen Namen machte. Nachdem Murasaki Shikibu Witwe geworden war, begann sie, schriftstellerisch tätig zu werden. Etwas später folgte der Ruf an den kaiserlichen Hof, wo sie als Hofdame der Kaiserin Shoshi tätig war. Murasaki Shikibus Berufung an den Hof erfolgte eventuell, um Kaiserin Shoshis Position zu stärken, da deren kürzlich verstorbene Rivalin, Kaiseri Teishi, Sei Shonagons Patronin gewesen war.*

Murasaki Shikibu brachte dem Leben bei Hofe eher zwiespältige Gefühle entgegen, den ausgefeilten Liebesritualen konnte sie nichts abgewinnen, sie war aber Teil der ständigen Intrigen und Machtspiele. Dies zeigte sich vor allem in ihrer (indirekten) Rivalität zu Sei Shonagon, deren Einfluss am Hofe immer noch spürbar war. Die beiden Damen waren sehr unterschiedliche Charaktere und Murasaki Shikibu lehnte Sei Shonagons extrovertierte Art ab. Ihr Tagebuch enthält abfällige Äusserungen über die literarische Leistung und angeblich mangelhaften Chinesisch-Kenntnisse Sei Shonagons. Sei Shonagon hatte nicht nur der ehemaligen Rivalin ihrer Herrin gedient, sondern mit ihrer berüchtigt scharfen Zunge auch Familienmitgliedern von Murasaki Shikibu bei Hofe geschadet, was die heftige Anitpathie mit erklären mag.

Murasaki Shikibu wurde wegen ihrer Bildung (sie brachte der Kaiserin Chinesisch bei) bewundert und heimlich geschmäht. Es ist umstritten, ob sie erst bei Hofe damit begann, die Geschichte vom Prinzen Genji zu verfassen oder ob die ersten Kapitel bereits früher entstanden waren. Der ganze Hof wartete  auf jeden Fall gespannt auf jedes neue Kapitel. Das Werk beschreibt das Leben des jüngsten Sohnes eines Tenno. Das Hauptaugenmerk liegt auf den umfangreichen romantischen Abenteuern des Protagonisten. Der literarische Ruhm des Buches geht vor allem auf die psychologische Meisterschaft zurück, mit der Murasaki Shikibu ihre Charaktere porträtiert.

Neben diesem Roman sind von Murasaki Shikibu 128 Gedichte sowie das erwähnte Tagebuch überliefert. Das Tagebuch stammt aus ihrer Zeit bei Hofe und ist wie Sei Shonagons Kopfkissenbuch eine wertvolle Quelle zur Heian-Zeit. Nach dem Tode des Kaiser 1011 verliess Murasaki Shikibu mit der Kaiserin den Hof. Je nach Überlieferung starb sie 1013 oder 1025.

Die deutsche Übersetzung der Geschichte vom Prinzen Genji erschien letzten Oktober in einer Neuauflage im Manesse Verlag. Auszüge, Kommentare von Adolf Muschg und viele Hintergrundinformationen zu Bedeutung und Rezeptionsgeschichte des Werkes finden sich hier.

* Es gab für einige Zeit zwei Kaiserinnen bei Hofe. Kaiser Ichjio war der 66. Tenno und unter seiner Herrschaft wurde die Praxis eingeführt, dass ein Kaiser zwei kaiserliche Gemahlinnen mit verschiedenen Titeln haben konnte (bisher hatte es eine Kaiserin und zahlreiche Nebenfrauen und Konkubinen gegeben). Natürlich spielen auch hier im Hintergrund machtpolitische Interessen mit, beide Kaiserinnen waren Töchter mächtiger Höflinge (die nebenbei auch noch Brüder waren). Teishi war die ältere der beiden Cousinen und Rivalinnen, sie hatte den Tenno 990 geheiratet. Nachdem Teishis Vater gestorben war, wurde ihr Onkel immer mächtiger. Es gelang ihm schliesslich mit einem juristischen Trick, seine Tochter Shoshi als zweite Kaiserin zu etablieren. So kam es zu der beschriebenen Situation, dass bei Hofe zwei Kaiserinnen mit jeweiligem Hofstaat weilten. Allerdings dauerte dieser Zustand nicht lange; Teishi verstarb kurz nach der Erhebung ihrer Cousine zur zweiten Kaiserin im Kindbett. (Zu Ichjio Nebenfrauen gehörten übrigens auch Schwestern der beiden Kaiserinnen, was die erwähnte Bedeutung von Töchtern als politisches Kapital weiter illustriert).

Sonntag, 4. Januar 2015

Gefährlicher Wintersport - ein Bild und viele Geschichten

Dass der Wintersport bereits in seinen Anfängen gefährlich sein konnte, erstaunt angesichts der verwendeten Materialien und mangelnder Sicherheitsvorschriften nicht weiter. (Henning wusste schon, warum er sich von der Bobbahn fernhielt). Manche Unfälle waren spektakulär genug, um nicht nur nationale, sogar internationale Schlagzeilen zu machen. 

Vor einiger Zeit brachte mich eine Recherche zum Wintertourismus in der Schweiz während der Belle Epoque ins Archiv der New York Times. Dort wurde im Gesellschaftsteil aufgeführt, welche Berühmtheiten des britischen und amerikanischen Oberschicht sich gerade in Gstaad oder St. Moritz verlustierten. Dabei stiess ich auch auf einen kurzen Artikel zu einem Bobunfall in St. Moritz, bei dem auch mehrere Zuschauer verletzt worden waren. Letzten Sommer fand ich dann dieses Titelbild der Schweizer Illustrierten Zeitung vom 28. Februar 1914:

Schweizer Illustrierte Zeitung Heft 9 /1914 (Photo: Flury, Kulm, Basar, St. Moritz)

Der wild gewordene Bob: 
Auf dem Cresta Run, der berühmten Bobsleigh-Rennbahn bei St. Moritz, fuhr am Sunnay (sic) Corner*, der gefahrdrohenden grossen Kurve, ein Bobsleigh infolge Bruchs der Steuerung über die 10 Meter hohe Kurvenwand in die vollbesetzen Tribünenplätze hinein - diesen kritischen Moment zeigt unser Bild -, wobei er noch einen 9 Meter langen Luftsprung machte. Die Bob-Mannschaft kam wunderbarerweise ohne jeden Schaden davon, während von den Zuschauern einige leicht verletzt wurden. 

Ich machte mich nochmals auf ins Archiv der New York Times, um abzuklären, ob dies nicht der Unfall sein könnte, über den ich bereits einmal gelesen hatte. Und tatsächlich stimmten die Daten überein. Nur schenkte man hier den Verletzten etwas mehr Beachtung und so erhalten wir die Namen einiger Hauptakteure auf dem spektakulären Foto.

In St. Moritz verletzt
Miss Fernald aus Chicago bei Unfall mit entgleistem Bob verletzt
Spezialbericht der New York Times
St. Moritz, 16. Februar. Heute ereignete sich auf der hiesigen Bobbahn ein schwerer Bob-Unfall. Ein von Mr Abercromby gesteuerter Bob schoss aufgrund eines Defektes der Steuerung aus der Bahn und verletzte mehrere Zuschauer schwer. Mme. von Schroeder, Miss Bessie Swift Fernald aus Chicago und Capt. Payne wurden schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt.
Mrs Saunders, Ehefrau von Capt. Saunders des King's Royal Rifle Corps und Miss Jackson, Tochter von Sir Thomas Jackson, blieben wundersamerweise unverletzt, als der Bob über sie hinwegschoss.
(c) The New York Times (Archives)

Zu einigen der genannten Persönlichkeiten finden sich in den Tiefen des www weitere Informationen. Bessie Swift Fernald (1883-1920), deren Name im Untertitel separat auftaucht, war die Tochter des Präsidenten von Swift & Co und damit eine steinreiche Erbin.  Von einem aus der Bahn geworfenen Bob verletzt zu werden, war bei weitem nicht das Aufregendste, was dieser Dame in ihrem Leben widerfuhr. Sie hatte sich zwei Jahre zuvor scheiden lassen, weil sie "Europa mehr mochte" als ihren Mann. In einem Zeitalter, in dem eine Scheidung immer noch soziales Stigma nach sich zog, musste man schon Millionen-schwer sein, um mit einer dermassen frivolen Bemerkung davonzukommen.

Miss Jackson, die unverletzt blieb, war wahrscheinlich Dorothy St. Felix Jackson (1887), die jüngste Tochter von Sir Thomas Jackson, unter dessen Leitung die Hong Kong & Shanghai Banking Corporation im ausgehenden 19. Jahrhundert zur führenden Bank Asiens wurde. (Für Clavell-Leser: Sir Jackson war der erfolgreichste Tai-Pan der Epoche.) Für seine Verdienste wurde er 1902 mit dem Titel eines Baronet ausgezeichnet. Sir Jackson hatte fünf Töchtern, die in den 1870er und 1880er Jahren geboren wurden. Vier davon heirateten, nur die jüngste Dorothy  blieb ledig. Sie führte ein weniger aufregendes Leben als Miss Bessie Swift Fernald und so gibt es über sie nicht viel weiter zu berichten.

Bei dem verletzten Captain Payne der King's Rifles handelte es sich wohl um Captain Edward Aldborough Saunders, einem dekorierten Veteran der Burenkriege, der sich seit 1911 vom aktiven Dienst zurückgezogen hatte.

Aber dieses Foto liefert mehr als nur eine Momentaufnahme der gesellschaftlichen Verhältnisse in einem mondänen Winterkurort, wo sich die Oberschicht des Empire, der Adel und Geldadel der neuen Welt und der alten Welt trafen; es bildet auch eine Welt ab, die innerhalb weniger Monate nicht mehr existieren wird. Eine Wintersaison wie diese würde St. Moritz nicht mehr erleben. 

Gut ein Jahr nach diesem Unfall erschien im Februar 1915 im Clinton Mirror, einer amerikanische Zeitung, ein Artikel mit der Überschrift War takes 'Ice Jockeys'. Es ging um den Blutzoll, den der Krieg unter den Teams, die den Cresta Run befahren hatten, forderte: "Der berühmte Cresta Run in St. Moritz wird viele seiner bekannten ice jockeys, deren Exploits das Interesse der berühmten Gäste, darunter dem Kronprinz von Deutschland und des Erben der österreichisch-ungarischen Krone erregten, nie mehr wieder sehen." Viele Teams hatten aus britischen Offizieren bestanden, deren Reihen nun durch den Krieg, vor allem die verlustreichen Schlachten an der Marne und Aisne vom Herbst 1914, dezimiert worden waren. 

Im Artikel werden gefallene bzw. verwundete ice jockeys mit Namen aufgeführt, unter den Verletzten findet sich auch ein Captain Abercromby, dessen mutigen Fahrten im Cresta Run besonders erwähnt werden. Es dürfte sich wohl um Mr Abercromby handeln, der den Unglücksbob gesteuert hatte. Der Korrespondent hält weiter fest: "Ohne diese Elite britischer Sportsmänner wird St. Moritz diesen und wohl noch viele weitere Winter über 'tot' sein." Dieser Satz fasst nicht nur prägnant die Situation in den Schweizer Wintersportorten zusammen, sondern zeigt, dass es bereits zu diesem Zeitpunkt klar war, dass der Krieg noch sehr lange dauern würde. Ob Captain Abercromby den Krieg überlebt hat, konnte ich nicht herausfinden. Ev. würde man in Archiven in St. Moritz mehr über sein Schicksal (und das seiner Teamgenossen) erfahren.

Über Miss Swift Fernald hingegen fand ich noch einiges heraus. Die Dame besass nicht nur viel Geld, sondern auch reichlich Persönlichkeit. Nach Kriegsausbruch war sie in einer Hilfsorganisation für französische Verwundete tätig. Sie reiste schliesslich nach Frankreich, um eigenhändig bei der Versorgung von Verwundeten zu helfen. Nach Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg 1917 kümmerte sich um dort stationierte US Marines. Sie folgte den Truppen schliesslich an die Front, um  auch dort Lazarettdienst zu leisten. Für ihren Einsatz wurde sie mit dem Ehrentitel "Little Mother of the Marines" bedacht.  Anscheinend wurde ihre Gesundheit aber nachhaltig geschwächt. Sie starb 1920 an einer Lungenentzündung, die sie sich bei einem Flug von Brüssel nach London geholt hatte. Bei ihrer Beerdigung wurde des Brief eines Majors des USMC verlesen. Der Major schrieb, die "Little Mother of the Marines" hätte den Wert eines ganzen Bataillons gehabt.

* Es handelt sich um den Sunny Corner im Olympia Bobrun St. Moritz Celerina.




Mittwoch, 31. Dezember 2014

Neujahrsgrüsse

Zum Jahreswechsel ein Strauss nostalgischer Postkarten  ich wünsche allen ein glückliches und gesundes neues Jahr.






Sonntag, 21. Dezember 2014

Heian Hofdamen – Sei Shonagon (ca. 966 - ca. 1025), Meisterin der Listen


Utawaga Yoshitora: Sei Shonagon betrachtet den Schnee (1872)**
via Museum of Fina Arts Boston (mfa)

Cineasten ist diese Dame dank Peter Greenaways Film Die Bettlektüre (Pillow Book) bekannt, darin werden zahlreiche Passagen aus Sei Shonagons Kopfkissenbuch – eine Art Tagebuch in Form von Listen und kurzen Essays, manche nennen es auch das erste Blog – zitiert. Sei Shonagons Kopfkissenbuch ist ein Klassiker der japanischen Literatur, nicht nur wegen der Einblicke in die Kultur und den Alltag des Heian-Hofes, sondern auch wegen Sei Shonagons Fähigkeit, gleichermassen tief berührende Einsichten, schneidend scharfe Beobachtungen menschlicher Schwäche und spielerisch Alltägliches einzufangen.

Sei Shonagon war die Tochter eines berühmten Waka Dichters,* sie erhielt eine ausgezeichnete literarische Erziehung und war auch des Chinesischen mächtig. Mit Mitte 20 kam sie an den Hof der zehn Jahre jüngeren Kaiserin Teishi. Die Beziehung zwischen der jungen Kaiserin und der bereits zwei Mal verheirateten Hofdame war sehr intensiv. Am Hofe wurde Sei Shonagon wegen ihrer Bildung und ihres dichterischen Könnens bewundert (sie soll keine Schönheit gewesen sein), aber sie war auch wegen ihrer Scharfzüngigkeit gefürchtet. Man findet im Kopfkissenbuch Beispiele ihrer schonungslosen Ausdrucksweise; es fällt deshalb nicht schwer, sich vorzustellen, dass dieser Favoritin der Kaiserin vom Rest des Hofes mit gemischten Gefühlen begegnet wurde.

Die Texte im Kopfkissenbuch umfassen Anekdoten aus dem Hofleben (und sind damit wertvolle mentalitätsgeschichtliche Quelle), Gedichte, amüsante Beobachtungen menschlichen Verhaltens und kurze Erzählungen. Am liebsten sind mir die Listen, in denen Sei Shonagon Einträge zusammenfügt, welche in ihrer exotischen Heterogenität die in abendländischer Taxonomie geschulte Leserin oftmals verblüffen z. B. Was wunderbar ist Was einen erfrischenden Anblick bietetWas sich nicht wiedergutmachen lässt. Solche Listen finden sich auch in den Werken anderer Hofdamen, doch Shonagon scheint dieses Format besonders geliebt zu haben. (Christian hat wahrscheinlich an sie gedacht, als er Annas eigenartige Liste in Händen hielt.)

Die Schönheit dieser Listen liegt nicht nur in ihrer Fremdheit, sondern auch in der lakonischen Art und Weise, in der Sei Shonagon auf den Punkt kommt. Wenige Beispiele zeigen bereits, wie geistreich, scharfzüngig und manchmal auch melancholisch Sei Shonagons Stil ist.

Unangenehme Dinge
Ein Hund, der den Geliebten, welcher sich heimlich zu einem schleichen will, stellt und bellt. Man möchte ihn am liebsten gleich totschlagen! (…)
Man hat die Dummheit begangen und einen Mann heimlich bei sich nächtigen lassen, und fängt er an zu schnarchen. Wie unangenehm ist das!

Was glücklich macht
Viele Romanbücher zu haben, die ich noch nicht gelesen habe. (…)
Nach nicht sehr langem Suchen findet man das Gesuchte und ist glücklich. (…)
Ich freue mich besonders, wenn ich einen hochmütigen Menschen kurz abfertigen kann. Meine Freude ist riesengross, wenn es sich dabei um einen Mann handelt.

Seltene Dinge
Ein Bräutigam, den der Schwiegervater gern sieht.
Eine Braut, die der Schwiegermutter gefällt.
Ein Gefolgsmann, der niemals seinen Herrn verleumdet.
(…)

Hübsche Dinge
Das Gesicht eines Kindes, das seine Zähne in eine Melone gräbt. (…)
In der Nacht, wenn man jemanden erwartet, dem fallenden Regen lauschen und dem Nachtwind, der am Hause rüttelt. O wie beginnt unser Herz da plötzlich zu klopfen! (…)

Was fern, doch nahe ist
Das Paradies.
Der Abstand zwischen Mann und Frau.

Das Kopfkissenbuch kenne ich in zwei deutschen Übersetzungen, eine aus der Insel Bücherei von 1975 (beruhend auf einer Übertragung aus dem Jahr 1944), die andere aus dem Hause Manesse von 1952. Beide Ausgaben präsentieren eine Auswahl von Texten, die Manesse-Ausgabe ist etwas umfangreicher. Die ersten zwei drei zitierten Beispiele stammen aus der Insel-Übersetzung, die letzten beiden aus der Manesse-Übersetzung. Vergleicht man beide Ausgaben, so sind sie sich bei manchen Texten sehr ähnlich, bei anderen wiederum fragt man sich, ob beide auf dem gleichen Ausgangstext beruhen. Die Manesse-Übersetzung ist mit Anmerkungen versehen, aber sprachlich gefällt mir die Insel-Übersetzung besser. Auf Englisch sind mehrere komplette Übersetzungen samt Anmerkungen erhältlich.

* Der Begriff Waka stammt ebenfalls aus der Heian-Zeit und bezeichnet Gedichte in japanischer Sprache – Kanshi bezeichnet Gedichte in chinesischer Sprache. Die Entwicklung eigener japanischer Poesieformen ist ein Zeichen der Ablösung des grossen Einflusses, den die chinesische Kultur lange auf Japan ausübte. Waka-Poesie existiert in vielen Stilen, die im Westen wohl am besten bekannte Waka-Form ist der Haiku. In der Waka-Poesie gibt es keinen Reim und keine Zeileneinteilung.



** Die Darstellung aus dem 19. Jahrhundert zeigt die Dame Shonagon in der Mode des Heian-Hofes: mit offenem Haar und Hofkleidund, die aus bis zu 12 übereinander getragenenen Gewändern bestehen konnte. Die Dame hebt eines der Rolleaus an, die die Gemächer der Kaiserin und ihrer Hofdamen von der Aussenwelt trennen. Diese Rolleaus tauchen in Shonagons Kopfkissenbuch immer wieder auf und spielen natürlich auch eine Schlüsselrolle im Liebesleben der Hofdamen.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Neuigkeiten zu Band 2

Nein, Band 2 ist leider noch nicht fertig. Da die Frage nach der Fortsetzung immer wieder auftaucht, hier ein paar Zeilen zum Stand der Dinge.

Gewittersturm über dem Zürichsee (Postkarte ca. 1915).
Im Hintergrund links die Türme der Tonhalle.
Band 2 wird in Zürich spielen  der Ortswechsel ist durch das Ende von Band 1 vorgegeben. Und da Zürich anders als Sternenbach kein fiktiver Ort ist, braucht es einiges an Recherche, damit keine historischen Schnitzer passieren. Nebst diversen Büchern zur Stadtgeschichte und dem wunderbaren Gang dur Züri konsultiere ich dafür gerne das statistische Jahrbuch der Stadt Zürich und alte Reiseführer  letztere liefern oft Alltagsdetails, die sonst nur schwer zu finden sind, wie etwa Lebensmittelpreise, Adressen verschiedener Konsulate, Farben der Tramschilder oder welche Geschäfte denn Herrenmode nach englischem Standard führten. 

Zu Zeitrahmen und Handlung möchte ich im Moment nichts sagen  aber es wird natürlich einige neue Figuren geben. Diese sind gerade am am Entstehen. Manche entwickeln sogar bereits ein unvorhergesehenes Eigenleben, aber ich lasse sie machen. In Band 1 hat sich Lady Georgiana in dieser Weise verselbständigt und ich war mit dem Ergebnis ganz zufrieden. Zu diesen Figuren sei aber zumindest so viel verraten: es gibt einen vierbeinigen Neuzugang.

Viel mehr kann ich im Moment nicht schreiben, ohne wichtige Details auszuplaudern. Aber immerhin, es geht voran, wenn auch leider nicht so schnell wie gewünscht.



Montag, 8. Dezember 2014

Die perfekte Gouvernante


via Graphics Fairy
Der Tourismus und das Hotelwesen brauchten im 19. Jahrhundert Wohlstand und neue Berufsmöglichkeiten in die Alpen. Die Arbeit im Hotel ermöglichte es gerade auch jungen Frauen, sich eine berufliche Karriere vor oder sogar statt der Ehe zu sichern.  Für manche abenteuerlustige Frauen öffnete der Hoteldienst den Weg in die grosse weite Welt und zu Erlebnissen und Abenteuern, von denen ihre Mütter und Grossmütter nicht zu träumen gewagt hatten. Von solchen Biographien liess ich mich für Anna inspirieren, die ich auf der Karriereleiter für weibliche Hotel-Angestellte auf die höchste Sprosse klettern liess: die der Gouvernante. 

Zuerst einmal etwas zur Berufsbezeichung Gouvernante: im Deutschen kann damit eine Erzieherin oder eine Haushälterin im Hotel gemeint sein (vor allem in der Schweiz) in beiden Fällen gilt der Begriff allerdings als veraltet. Die erziehende Gouvernante kennt man aus der Literatur etwas besser, Jane Eyre und Fräulein Rottenmeyer sind berühmte literarische Gouvernanten. Die Hotel-Gouvernante wird heute zumeist als Hausdame oder Neudeutsch Executive Housekeeper bezeichnet. Das englische Housekeeper verweist deutlich auf die Funktion dieser Angestellten: das Haus zu bewahren bzw. in Ordnung zu halten. Die Hotel-Gouvernante ist eine Haushälterin im grossen Stil.

Eine umfassende Beschreibung der Funktionen und Eigenschaften einer perfekten Hotel-Gouvernante fand ich im 1908 erschienenen Guide to Hotel Housekeeping (das sich allerdings nicht mit Grand Hotels, sondern eher mittelständischen Hotels befasst). Die (gekürzte) Liste mit den verlangten Charaktereigenschaften auf S. 7 von Chiffren im Schne1 stammt aus diesem Buch, hier ist sie in voller Länge:

Must be morally correct. Must have a dignified and respectable appearance. Must have executive ability. Must have a good disposition and try to get along with the help. Must be a good listener and not a talker.Must be quiet, giving orders in a firm but low tone. Must be loyal to the management. Must be courteous to guests.

Abgesehen von den moralisierenden Untertönen hat sich das Berufsbild nicht sehr verändert. Hier zum Vergleich eine moderne Berufsbeschreibung

Gouvernanten verfügen über einen ausgezeichneten Sauberkeitssinn und sind äußerst penibel in Sachen Hygiene. Wer als Gouvernante arbeiten will, muss über ein sehr hohes Maß an Freundlichkeit verfügen und ein gepflegtes Äußeres ist Pflicht. Auch ist für diesen Beruf das Beherrschen der englischen Sprache ein Muss. Alle weiteren Fremdsprachenkenntnisse sind von Vorteil. Eine Gouvernante ist ein Organisationstalent und ist in der Lage Mitarbeiter zu motivieren und zu führen.

Anders als die erziehende Gouvernante hat es die Hotel-Gouvernante kaum zu literarischen Ehren gebracht.* Meine Kenntnisse über den Beruf und die damit verbundenen Klischees und Stereotypen stammen aus Familienerzählungen, da sowohl meine Mutter als auch meine Urgrossmutter in Hotels arbeiteten. Zudem gab es im Bereich Geschlechtergeschichte in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche Projekte, die sich mit den Erfahrungen weiblicher Haus- und Hotelangestellter befasst haben.  Der Gouvernante wurden in der "guten alten Zeit" gewisse Eigenschaften nachgesagt: Herrschsucht (betrachtet man die etymologische Wurzel der Gouvernante, das lateinische gubernare/herrschen, ist das nicht weiter überraschend), Pedanterie und Prüderie. Gouvernanten waren Frauen, die in einem Zeitalter, in dem das nicht gerne gesehen wurde, professionelle Autorität ausstrahlen mussten. Sie waren zudem oftmals Frauen, die sich der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter "verweigerten", all das mag die vielen negativen Klischees, die sich um den Beruf ranken, erklären. Sicher kannten diese Frauen, die ihre Karriere oft in den unteren Rängen des Hotels begonnen hatten, all diese Stereotypen und ich habe mich oft gewundert, wie sie damit wohl umgegangen sind. Aus dieser Fragestellung erwuchsen dann manche von Annas inneren Konflikten.

* Etwas besser ergeht es da der klassischen Haushälterin, vor allem im britischen Raum. Als Hüterin der Schlüssel wird ihr in Literatur und Film gerne mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Jüngstes Beispiel ist Downton Abbeys Mrs Hughes, die oft als einzige den Überblick über alle grossen und kleinen Dramen der Herrschaft und der Dienerschaft behält. Und natürlich erfährt man in der Serie auch so einiges über die Anforderungen an den perfekten Valet, mehr davon in einem anderen Beitrag.

Sonntag, 30. November 2014

Heian Hofdamen

Utagawa Kunisada I.: Liebevolle Betrachtung der
Pflaumenbaumblüte im Frühlingsnebel
via zeno.org


Die Gedichte, die Christian in seinem alpinen Rückzug übersetzen wollte, stammen aus dem Japan des 10. Jahrhunderts.* Das Besondere an diesen über 1000-jährigen Texten ist, dass sie alle von Frauen verfasst wurden, die während der als Heian-Zeit (794-1185) bezeichneten Periode am japanischen Kaiserhof lebten. Hei-An bedeutet "Sicherheit (und) Frieden", wobei in der japanischen Schreibweise das kanji (d.h. das chinesische Zeichen) für Frieden aus dem Zeichen für "Frau" unter dem Zeichen für "Dach" besteht. Mit dieser Ära schliesst die klassische Phase der japanischen Geschichte (ca. 300 – 1185).

Das Japan dieser Zeit unterschied sich ganz wesentlich von dem im Westen besser bekannten Japan der folgenden feudalen Periode (Shogunat und Samurai seien hier nur als Stichworte genannt). Ein bedeutsamer Unterschied liegt in der besseren Stellung der Frau, die sich im rechtlichen wie kulturellen Kontext ausdrückte. Es war eine Zeit kulturellen Aufschwungs, der kaiserliche Hof wurde zum Zentrum einer äusserst verfeinerten Adelskultur und die japanische Literatur erlebte eine Blüteperiode, die auch von den Damen des kaiserlichen Hofes mitgetragen wurde. Diese Frauen prägten nicht nur die Entwicklung zahlreicher literarischer Formen, sondern auch der Schrift, in der diese festgehalten werden: die als Hiragana bezeichnete Silbenschrift, deren ursprüngliche Bezeichnung onna-de "Frauenhand" war.**

Das höfische Leben war stark ritualisiert, Kenntnisse der Poesie und die Fähigkeit, selbst Gedichte für alle Lebenslagen verfassen zu können, gehörten zum Ideal der Adelsschicht. Die perfekte Hofdame verfügte über profunde literarische Kenntnisse und konnte sich sowohl in Poesie wie auch Prosa ausdrücken. Auf die Ausbildung von Töchtern, die – das darf man bei all der Betonung schöngeistiger Ideale niemals vergessen – für ihre Väter eine Form politischen Kapitals darstellten, wurde deshalb viel Wert gelegt. Eine Einschränkung gab es allerdings: der Korpus der chinesischen Literatur war für Frauen nur in Übertragungen zugänglich, denn Frauen sollten weder die chinesische Schrift noch die chinesische Sprache erlernen. (Wie beim Lateinverbot für Mädchen und Frauen in Europa gab es aber auch hier berühmte Ausnahmen.)

Die Geschlechterbeziehungen waren von einer komplexen Etikette geprägt. Die Frauen lebten abgeschlossen in ihren eigenen Quartieren, wo sie sich Literatur und Kunst widmeten. Männer- und Frauenwelt waren streng voneinander getrennt. So zumindest war die Theorie – wer die Tagebücher der verschiedenen Hofdamen liest, sieht aber, dass es doch recht viele Ausnahmen gab. Vielleicht sollte man besser von einem inoffiziellen Verhaltenscodex sprechen. Die Sexualmoral der Zeit war ausgesprochen offen. Polygamie war eine anerkannte Praxis, ein Mann konnte neben zahlreichen Frauen auch noch offizielle Konkubinen und heimliche Geliebte unterhalten. Das erscheint nicht weiter ungewöhnlich, ungewöhnlich ist aber das Mass sexueller Selbstbestimmung, welches unverheirateten Frauen zugestanden wurde. Einen oder mehrere Liebhaber zu haben, war kein Vergehen – zumindest solange nicht, wie die Dame mit einem gewissen Mass an Diskretion vorging. Zur Frage, wie etwaige Folgen solcher Promiskuität verhindert bzw. wie mit ihnen umgegangen wurde, findet man kaum Informationen. Unehelicher Nachwuchs war anders als im Westen keine moralische Last, trotzdem dürfte es zu Problemen gekommen sein. Diese sexuelle Freiheit ging einher mit einer beachtlichen rechtlichen Unabhängigkeit: Frauen durften über Besitz und Einkünfte selbst verfügen und eine Scheidung war relativ einfach zu erreichen. Es gab aber Einschränkungen, Frauen mochten zwar auf künstlerischem Gebiet den Männern gleichgestellt sein, doch  von öffentlichen Ämtern waren sie ausgeschlossen. Und für verheiratete Frauen gab es keine sexuelle Freizügigkeit mehr, von ihnen wurde aus naheliegenden Gründen Treue erwartet.

Das Anbahnen einer Beziehung zwischen einem Höfling und einer Hofdame erfolgte über ein Gedicht, welches der Mann seiner Auserwählten per Boten zusandte. Fand das Gedicht Gefallen – und in einer dermassen ästhetisierten Gesellschaft bedeutete dies, dass auch die Qualität des Papiers und der Kalligraphie, ja sogar das Erscheinungsbild des Boten, genauesten überprüft wurden – so übersandte sie eine Antwort. Die erste gemeinsame Nacht musste mit Liebesspiel und anregender Konversation verbracht werden, auf keinen Fall aber mit Schlaf! Am nächsten Morgen hatte sich der Mann diskret vor Sonnenaufgang zu entfernen und in sein Quartier zurückzukehren. Dort angekommen musste er wiederum ein Gedicht verfassen. Es folgte nochmals das gleiche Ritual des Gedichtaustauschs, fielen Gedichte (und alles andere möchte man hinzufügen) zu beiderseitiger Zufriedenheit aus, so entspann sich ein romantisches Verhältnis, das in Heirat enden konnte, aber nicht musste. Gedichte wurden natürlich weiterhin in streng ritualisiert Art und Weise ausgetauscht.

Hofkulturen mit komplexer Etikette, der sich eine Elite hingibt, die ihre Zeit nicht mit körperlicher Arbeit zum eigenen Unterhalt zubringt, sind nichts Ungewöhnliches in der Geschichte. Was den Heian-Hof aber so besonders machte, war  dass es hier zu einer aussergewöhnlichen kulturgeschichtlichen Entwicklung kam. Die Damen dieses Hofes stellen in der Literaturgeschichte ein einzigartiges Phänomen dar: ein zeitlich wie lokal konzentriertes weibliches Literaturschaffen, das von Beginn an höchstes Ansehen genoss.

(Zu den bekanntesten Dichter-Damen Ono no Komachi, Sei Shonagon und Murasaki Shikibu wird es noch separate Einträge geben, dann wird auch geklärt, wer die Dame, die sich nie entschuldigt, ist.)

*Die Rezeption japanischer Literatur im Westen lässt sich nicht ganz so einfach nachvollziehen wie das etwa bei den Ukiyo-e möglich ist, da hier immer der Zwischenschritt der Übersetzung nötig war. Deshalb kam es wohl zu einer leichten Verzögerung. Einge der frühesten deutschen Übersetzungen japanischer Lyrik, die ich finden konnte, wurden von Klabund geschaffen, der an TB erkrankt den Ersten Weltkriegs in Schweizer Sanatorien verbrachte und sich dort mit fernöstlicher Literatur zu befassen begann.
** Das Japanische wird in drei Schriften festgehalten: den Kanij (aus dem Chinesischen übernommenen Logogrammen), der erwähnten Hiragana und der Katakana (beides Silbenschriften).