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Montag, 9. Februar 2015

Zürcher Alpenpanorama


Wie Hastings richtig bemerkte, hat man von Zürich aus ein wunderschönen Blick auf die Alpen. Mit diesem Blick wurde natürlich auch schon früh Werbung betrieben wie auf diesem zweiteiligen Panorama aus einem englischsprachigen Reiseführer (herausgegeben vom Zürcher Tourismusbüro) aus dem späten 19. Jahrhundert (wahrscheinlich 1898). Es zeigt den (idealisierten) Blick von Zürich auf die Alpen beginnend beim Vrenelisgärtli (oben links) im Südosten über Glarner und Schwyzer Alpen bis zum Rosberg im Südwesten (unten rechts).

Zudem werden Sehenswürdigkeiten und Ausflugspunke am rechten Ufer des Zürichsees aufgeführt, wie die Villa Luchsinger, die 1889 am Seefeldquai errichtet worden war. Die Parkanlage beim Zürichhorn, war in den 1880er Jahren im Zuge der Ausbau der Quaianalgen angelegt worden. Das im unteren Teil des Panoramas erwähnte Kohlenbergwerk ist das Bergwerk Käpfnach, das nach dem Zweiten Weltkrieg stillgelegt wurde.


Sonntag, 4. Januar 2015

Gefährlicher Wintersport - ein Bild und viele Geschichten

Dass der Wintersport bereits in seinen Anfängen gefährlich sein konnte, erstaunt angesichts der verwendeten Materialien und mangelnder Sicherheitsvorschriften nicht weiter. (Henning wusste schon, warum er sich von der Bobbahn fernhielt). Manche Unfälle waren spektakulär genug, um nicht nur nationale, sogar internationale Schlagzeilen zu machen. 

Vor einiger Zeit brachte mich eine Recherche zum Wintertourismus in der Schweiz während der Belle Epoque ins Archiv der New York Times. Dort wurde im Gesellschaftsteil aufgeführt, welche Berühmtheiten des britischen und amerikanischen Oberschicht sich gerade in Gstaad oder St. Moritz verlustierten. Dabei stiess ich auch auf einen kurzen Artikel zu einem Bobunfall in St. Moritz, bei dem auch mehrere Zuschauer verletzt worden waren. Letzten Sommer fand ich dann dieses Titelbild der Schweizer Illustrierten Zeitung vom 28. Februar 1914:

Schweizer Illustrierte Zeitung Heft 9 /1914 (Photo: Flury, Kulm, Basar, St. Moritz)

Der wild gewordene Bob: 
Auf dem Cresta Run, der berühmten Bobsleigh-Rennbahn bei St. Moritz, fuhr am Sunnay (sic) Corner*, der gefahrdrohenden grossen Kurve, ein Bobsleigh infolge Bruchs der Steuerung über die 10 Meter hohe Kurvenwand in die vollbesetzen Tribünenplätze hinein - diesen kritischen Moment zeigt unser Bild -, wobei er noch einen 9 Meter langen Luftsprung machte. Die Bob-Mannschaft kam wunderbarerweise ohne jeden Schaden davon, während von den Zuschauern einige leicht verletzt wurden. 

Ich machte mich nochmals auf ins Archiv der New York Times, um abzuklären, ob dies nicht der Unfall sein könnte, über den ich bereits einmal gelesen hatte. Und tatsächlich stimmten die Daten überein. Nur schenkte man hier den Verletzten etwas mehr Beachtung und so erhalten wir die Namen einiger Hauptakteure auf dem spektakulären Foto.

In St. Moritz verletzt
Miss Fernald aus Chicago bei Unfall mit entgleistem Bob verletzt
Spezialbericht der New York Times
St. Moritz, 16. Februar. Heute ereignete sich auf der hiesigen Bobbahn ein schwerer Bob-Unfall. Ein von Mr Abercromby gesteuerter Bob schoss aufgrund eines Defektes der Steuerung aus der Bahn und verletzte mehrere Zuschauer schwer. Mme. von Schroeder, Miss Bessie Swift Fernald aus Chicago und Capt. Payne wurden schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt.
Mrs Saunders, Ehefrau von Capt. Saunders des King's Royal Rifle Corps und Miss Jackson, Tochter von Sir Thomas Jackson, blieben wundersamerweise unverletzt, als der Bob über sie hinwegschoss.
(c) The New York Times (Archives)

Zu einigen der genannten Persönlichkeiten finden sich in den Tiefen des www weitere Informationen. Bessie Swift Fernald (1883-1920), deren Name im Untertitel separat auftaucht, war die Tochter des Präsidenten von Swift & Co und damit eine steinreiche Erbin.  Von einem aus der Bahn geworfenen Bob verletzt zu werden, war bei weitem nicht das Aufregendste, was dieser Dame in ihrem Leben widerfuhr. Sie hatte sich zwei Jahre zuvor scheiden lassen, weil sie "Europa mehr mochte" als ihren Mann. In einem Zeitalter, in dem eine Scheidung immer noch soziales Stigma nach sich zog, musste man schon Millionen-schwer sein, um mit einer dermassen frivolen Bemerkung davonzukommen.

Miss Jackson, die unverletzt blieb, war wahrscheinlich Dorothy St. Felix Jackson (1887), die jüngste Tochter von Sir Thomas Jackson, unter dessen Leitung die Hong Kong & Shanghai Banking Corporation im ausgehenden 19. Jahrhundert zur führenden Bank Asiens wurde. (Für Clavell-Leser: Sir Jackson war der erfolgreichste Tai-Pan der Epoche.) Für seine Verdienste wurde er 1902 mit dem Titel eines Baronet ausgezeichnet. Sir Jackson hatte fünf Töchtern, die in den 1870er und 1880er Jahren geboren wurden. Vier davon heirateten, nur die jüngste Dorothy  blieb ledig. Sie führte ein weniger aufregendes Leben als Miss Bessie Swift Fernald und so gibt es über sie nicht viel weiter zu berichten.

Bei dem verletzten Captain Payne der King's Rifles handelte es sich wohl um Captain Edward Aldborough Saunders, einem dekorierten Veteran der Burenkriege, der sich seit 1911 vom aktiven Dienst zurückgezogen hatte.

Aber dieses Foto liefert mehr als nur eine Momentaufnahme der gesellschaftlichen Verhältnisse in einem mondänen Winterkurort, wo sich die Oberschicht des Empire, der Adel und Geldadel der neuen Welt und der alten Welt trafen; es bildet auch eine Welt ab, die innerhalb weniger Monate nicht mehr existieren wird. Eine Wintersaison wie diese würde St. Moritz nicht mehr erleben. 

Gut ein Jahr nach diesem Unfall erschien im Februar 1915 im Clinton Mirror, einer amerikanische Zeitung, ein Artikel mit der Überschrift War takes 'Ice Jockeys'. Es ging um den Blutzoll, den der Krieg unter den Teams, die den Cresta Run befahren hatten, forderte: "Der berühmte Cresta Run in St. Moritz wird viele seiner bekannten ice jockeys, deren Exploits das Interesse der berühmten Gäste, darunter dem Kronprinz von Deutschland und des Erben der österreichisch-ungarischen Krone erregten, nie mehr wieder sehen." Viele Teams hatten aus britischen Offizieren bestanden, deren Reihen nun durch den Krieg, vor allem die verlustreichen Schlachten an der Marne und Aisne vom Herbst 1914, dezimiert worden waren. 

Im Artikel werden gefallene bzw. verwundete ice jockeys mit Namen aufgeführt, unter den Verletzten findet sich auch ein Captain Abercromby, dessen mutigen Fahrten im Cresta Run besonders erwähnt werden. Es dürfte sich wohl um Mr Abercromby handeln, der den Unglücksbob gesteuert hatte. Der Korrespondent hält weiter fest: "Ohne diese Elite britischer Sportsmänner wird St. Moritz diesen und wohl noch viele weitere Winter über 'tot' sein." Dieser Satz fasst nicht nur prägnant die Situation in den Schweizer Wintersportorten zusammen, sondern zeigt, dass es bereits zu diesem Zeitpunkt klar war, dass der Krieg noch sehr lange dauern würde. Ob Captain Abercromby den Krieg überlebt hat, konnte ich nicht herausfinden. Ev. würde man in Archiven in St. Moritz mehr über sein Schicksal (und das seiner Teamgenossen) erfahren.

Über Miss Swift Fernald hingegen fand ich noch einiges heraus. Die Dame besass nicht nur viel Geld, sondern auch reichlich Persönlichkeit. Nach Kriegsausbruch war sie in einer Hilfsorganisation für französische Verwundete tätig. Sie reiste schliesslich nach Frankreich, um eigenhändig bei der Versorgung von Verwundeten zu helfen. Nach Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg 1917 kümmerte sich um dort stationierte US Marines. Sie folgte den Truppen schliesslich an die Front, um  auch dort Lazarettdienst zu leisten. Für ihren Einsatz wurde sie mit dem Ehrentitel "Little Mother of the Marines" bedacht.  Anscheinend wurde ihre Gesundheit aber nachhaltig geschwächt. Sie starb 1920 an einer Lungenentzündung, die sie sich bei einem Flug von Brüssel nach London geholt hatte. Bei ihrer Beerdigung wurde des Brief eines Majors des USMC verlesen. Der Major schrieb, die "Little Mother of the Marines" hätte den Wert eines ganzen Bataillons gehabt.

* Es handelt sich um den Sunny Corner im Olympia Bobrun St. Moritz Celerina.




Donnerstag, 16. Januar 2014

Wintersportmode in der Belle Epoque


Ein Bob-Team in weissen Jerseys, Postkarte Arosa 1914.

Als Lady Georgiana beschloss, Unterricht in Eiskunstlauf zu nehmen, hatte ich ein Problem. Ich wusste nicht, was eine modebewusste Belle Epoque Dame dazu anziehen würde. Für die Sommersportarten wie Schwimmen und Fahrradfahren hatten sich notwendigerweise eigene, oft den Zeitgeist schockierende (Damen-)Moden entwickelt. Bei den Witnersportarten sah das etwas anders aus. Wenn man entsprechendes Bildmaterial studiert, dann macht es den Anschein, als hätten die Damen und Herren einfach bequeme Alltagskleidung angezogen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber, wie eine bestimmte Art von Kleidungsstücken immer häufiger auftaucht, die sonst von den feinen Herrschaften nicht getragen wurden: Cardigans oder Jerseys  das heisst, gestrickte Jacken oder Pullover.*

Winterausflug eines Töchterpensionats in  Grindelwald 1914. Hier scheint der Trend zu weiss (und zu Fasanenfedern) schon in den pubertären Gruppenzwang umgeschlagen zu haben. Und auch was das Sportgerät anbelangt, liess frau sich nicht lumpen: neben Holzschlitten sind hier Velogemel zu sehen (wurden 1911 zum Patent angemeldet).
Ebenfalls auffallend ist, wie häufig man der Farbe Weiss begegnet. Im späten 19. Jahrhundert war Weiss zur bevorzugten Sommerfarbe der Oberschicht geworden, weisser Kleidung wurde ein kühlender Effekt zugeschrieben, zudem war sie aufwendig in der Pflege und deshalb entsprechend exklusiv. Im sportbegeisterten Grossbritannien hinterliess der Trend besondere Spuren: Tennis wurde zum weissen Sport (ebenso Cricket). Und da viele Wintersportarten von den britischen Gästen eingeführt und gepflegt wurden, kann man wohl vermuten, dass die Gentlemen die Jerseys und Cardigans, die sie an kühlen Sommertagen für Tennis oder Cricket überstreiften, einfach beibehielten. Der Wechsel von Baumwolle zur Wolle lag auf der Hand, aber die bevorzugte Farbe blieb Weiss.

Lady Georgiana trug dann aber einen hellblauen Cardigan, weil sie natürlich nicht blind jeder Mode folgte (und ihr die Farbe besser stand).

*Feinstrick, sogenannter Jersey wurde für Unterwäsche verwendet. Zumindest bis Mademoiselle Chanel 1916 den Nerv hatte, daraus eine Kollektion zu schneidern und damit eine Meilenstein der Modegeschichte zu schaffen.



Montag, 29. Oktober 2012

Etikette auf Reisen I


via Graphics Fairy
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Reisen - bisher ein Privileg der Aristokratie - auch für den aufsteigenden Mittelstand erschwinglich. Aber auch hier galt es, unbedingt die vielen Regeln der Etikette zu kennen, um nicht unangenehm aufzufallen. Die Benimmbücher jener Epoche geben einen interessanten Einblick in Regeln und Rituale des Reisens.

Bereits damals wurde empfohlen, mit "leichtem" Gepäck zu reisen  wobei man darunter wohl nicht ganz dasselbe verstand wie wir heute. So sollte der Gentleman, der sich nach Süden begibt, folgendes einpacken: "Frack, Sakko, Cut away. Der Smoking ist absolut entbehrlich, weil selbst in den intimsten Klubs, den kleinsten Restaurants, den minderwertigsten Theatern der Côte d'Azur kein Mensch ohne Frack zu sehen ist. Bekannte Rivierabummler sparen sich sogar oft den Cut away und nehmen dafür einen Frack mehr mit. Oder noch einen Sakko, denn der Sakko dominiert an der Riviera.  (..) Blieben noch Wäsche (immer ein Dutzend Oberhemden mehr als nötig), Pyjama, Hausschuhe und der Sportdress. Für die spielende Herrenwelt sind Reserve-Spielfracks von großem Nutzen, die nach getaner 'Arbeit'mit dem Gesellschaftsfrack vertauscht werden." Hier handelt es sich natürlich um die Garderobe eines ausgesprochen gut betuchten Herrn. Doch auch in Handbüchern, die sich eher an die Mittelschicht richten, listen eine beeindruckende Anzahl von Kleidungsstücken auf, die heute niemand mehr einpacken würde (mehrere Anzüge, Waschlederhandschuhe, Glacéhandschuhe).

Auch das Verhalten im Zug unterlag strengen Regeln: "Beim Einsteigen ins Coupé grüsst man leicht, falls es nicht zufällig eine einzelne Dame, die zu lauter Herren hinzukommt. Man belästige andere nicht mit dem Unterbringen des Gepäcks, von dem so wenig als möglich mit hineingenommen werden sollte und warte alsdann ab, ob sich Gelegenheit zu einem Gespräch mit den Reisegenossen ergibt oder nicht. Damen sollten solches mit Herren nie beginnen, es aber auch nicht unhöflich zurückweisen. Ist man zum Plaudern nicht gestimmt, werden kurze, aber höfliche Antworten dies die andern leicht erkennen lassen. Ebensowenig darf man allzuschnell bekannt oder gar vertraut werden – gerade auf der Reise ist Vorsicht nötig. Damen ist besondere Zurückhaltung zu empfehlen."

Reisebekanntschaften waren ein heikles Thema. Grundsätzlich wurde immer zur Vorsicht gemahnt, insbesondere Damen und junge Mädchen sollten sich vor Gesprächen mit Fremden hüten. Deshalb durften Damen auch ein Abteil betreten, ohne männliche Reisende zu begrüssen (s.o.) Es gab jedoch auch etwas liberalere Ansichten: "'Reisebekanntschaften  keine Bekanntschaften', sagt eine bekannte Redensart. Das soll so viel heissen, dass eine unterwegs geschlossene Bekanntschaft keine Verpflichtungen für späteren gesellschaftlichen Verkehr auferlegt. (...) Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass man auf Reisen Freunde fürs Leben findet, und darum ist es falsch, jede Gelegenheit zur Anknüpfung eines Gesprächs zu vermeiden. Vielleicht hätte dieser oder jener sich als äusserst angenehmer Gesellschafter entpuppt, vielleicht hätten wir gar in jenem unscheinbaren Mann, auf dessen beschiedenes Gepäck wir herablassend schauten, eine europäische Berühmtheit entdeckt. Ja, der Schein trügt gar oft auf Reisen, und wer sich nicht Menschenkenntnis zutraut, das Talmi, das gar oft in lockendem Goldgefunkel auftritt herauszufinden, der sei mindestens vorsichtig bei auffallenden Erscheinungen. Wahrhaft vornehme Leute treten einfach und natürlich auf."

Und liess man sich trotz aller Warnungen auf ein Gespräch mit einem Mitreisenden ein, so galten auch dafür Regeln: "Man vermeide auf der Reise im Gespräch mit Bekannten oder mit Leuten, deren Bekanntschaft man zufällig gemacht hat, alles, was andere Mitreisende verletzen oder ärgern könnte. Auch unterhalte man sich nicht so laut und lache nicht so, dass man die Aufmerksamkeit der anderen Leute auf sich zieht oder sie in ihrer Unterhaltung stört." 


F. W. Koebner: Der Gentleman. Ein Herrenbrevier. Berlin 1913.
B. von York: Lebenskunst - Die Sitten der guten Gesellschaft auf sittlich ästhetischer Grundlage. Ein Ratgeber in allen Lebenslagen. Leipzig 1893.
J. von Wedell: Wie soll ich mich benehmen? Stuttgart 1897.
J. von Eltz: Das kleine Anstandsbuch. Essen 1903.