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Sonntag, 4. Januar 2015

Gefährlicher Wintersport - ein Bild und viele Geschichten

Dass der Wintersport bereits in seinen Anfängen gefährlich sein konnte, erstaunt angesichts der verwendeten Materialien und mangelnder Sicherheitsvorschriften nicht weiter. (Henning wusste schon, warum er sich von der Bobbahn fernhielt). Manche Unfälle waren spektakulär genug, um nicht nur nationale, sogar internationale Schlagzeilen zu machen. 

Vor einiger Zeit brachte mich eine Recherche zum Wintertourismus in der Schweiz während der Belle Epoque ins Archiv der New York Times. Dort wurde im Gesellschaftsteil aufgeführt, welche Berühmtheiten des britischen und amerikanischen Oberschicht sich gerade in Gstaad oder St. Moritz verlustierten. Dabei stiess ich auch auf einen kurzen Artikel zu einem Bobunfall in St. Moritz, bei dem auch mehrere Zuschauer verletzt worden waren. Letzten Sommer fand ich dann dieses Titelbild der Schweizer Illustrierten Zeitung vom 28. Februar 1914:

Schweizer Illustrierte Zeitung Heft 9 /1914 (Photo: Flury, Kulm, Basar, St. Moritz)

Der wild gewordene Bob: 
Auf dem Cresta Run, der berühmten Bobsleigh-Rennbahn bei St. Moritz, fuhr am Sunnay (sic) Corner*, der gefahrdrohenden grossen Kurve, ein Bobsleigh infolge Bruchs der Steuerung über die 10 Meter hohe Kurvenwand in die vollbesetzen Tribünenplätze hinein - diesen kritischen Moment zeigt unser Bild -, wobei er noch einen 9 Meter langen Luftsprung machte. Die Bob-Mannschaft kam wunderbarerweise ohne jeden Schaden davon, während von den Zuschauern einige leicht verletzt wurden. 

Ich machte mich nochmals auf ins Archiv der New York Times, um abzuklären, ob dies nicht der Unfall sein könnte, über den ich bereits einmal gelesen hatte. Und tatsächlich stimmten die Daten überein. Nur schenkte man hier den Verletzten etwas mehr Beachtung und so erhalten wir die Namen einiger Hauptakteure auf dem spektakulären Foto.

In St. Moritz verletzt
Miss Fernald aus Chicago bei Unfall mit entgleistem Bob verletzt
Spezialbericht der New York Times
St. Moritz, 16. Februar. Heute ereignete sich auf der hiesigen Bobbahn ein schwerer Bob-Unfall. Ein von Mr Abercromby gesteuerter Bob schoss aufgrund eines Defektes der Steuerung aus der Bahn und verletzte mehrere Zuschauer schwer. Mme. von Schroeder, Miss Bessie Swift Fernald aus Chicago und Capt. Payne wurden schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt.
Mrs Saunders, Ehefrau von Capt. Saunders des King's Royal Rifle Corps und Miss Jackson, Tochter von Sir Thomas Jackson, blieben wundersamerweise unverletzt, als der Bob über sie hinwegschoss.
(c) The New York Times (Archives)

Zu einigen der genannten Persönlichkeiten finden sich in den Tiefen des www weitere Informationen. Bessie Swift Fernald (1883-1920), deren Name im Untertitel separat auftaucht, war die Tochter des Präsidenten von Swift & Co und damit eine steinreiche Erbin.  Von einem aus der Bahn geworfenen Bob verletzt zu werden, war bei weitem nicht das Aufregendste, was dieser Dame in ihrem Leben widerfuhr. Sie hatte sich zwei Jahre zuvor scheiden lassen, weil sie "Europa mehr mochte" als ihren Mann. In einem Zeitalter, in dem eine Scheidung immer noch soziales Stigma nach sich zog, musste man schon Millionen-schwer sein, um mit einer dermassen frivolen Bemerkung davonzukommen.

Miss Jackson, die unverletzt blieb, war wahrscheinlich Dorothy St. Felix Jackson (1887), die jüngste Tochter von Sir Thomas Jackson, unter dessen Leitung die Hong Kong & Shanghai Banking Corporation im ausgehenden 19. Jahrhundert zur führenden Bank Asiens wurde. (Für Clavell-Leser: Sir Jackson war der erfolgreichste Tai-Pan der Epoche.) Für seine Verdienste wurde er 1902 mit dem Titel eines Baronet ausgezeichnet. Sir Jackson hatte fünf Töchtern, die in den 1870er und 1880er Jahren geboren wurden. Vier davon heirateten, nur die jüngste Dorothy  blieb ledig. Sie führte ein weniger aufregendes Leben als Miss Bessie Swift Fernald und so gibt es über sie nicht viel weiter zu berichten.

Bei dem verletzten Captain Payne der King's Rifles handelte es sich wohl um Captain Edward Aldborough Saunders, einem dekorierten Veteran der Burenkriege, der sich seit 1911 vom aktiven Dienst zurückgezogen hatte.

Aber dieses Foto liefert mehr als nur eine Momentaufnahme der gesellschaftlichen Verhältnisse in einem mondänen Winterkurort, wo sich die Oberschicht des Empire, der Adel und Geldadel der neuen Welt und der alten Welt trafen; es bildet auch eine Welt ab, die innerhalb weniger Monate nicht mehr existieren wird. Eine Wintersaison wie diese würde St. Moritz nicht mehr erleben. 

Gut ein Jahr nach diesem Unfall erschien im Februar 1915 im Clinton Mirror, einer amerikanische Zeitung, ein Artikel mit der Überschrift War takes 'Ice Jockeys'. Es ging um den Blutzoll, den der Krieg unter den Teams, die den Cresta Run befahren hatten, forderte: "Der berühmte Cresta Run in St. Moritz wird viele seiner bekannten ice jockeys, deren Exploits das Interesse der berühmten Gäste, darunter dem Kronprinz von Deutschland und des Erben der österreichisch-ungarischen Krone erregten, nie mehr wieder sehen." Viele Teams hatten aus britischen Offizieren bestanden, deren Reihen nun durch den Krieg, vor allem die verlustreichen Schlachten an der Marne und Aisne vom Herbst 1914, dezimiert worden waren. 

Im Artikel werden gefallene bzw. verwundete ice jockeys mit Namen aufgeführt, unter den Verletzten findet sich auch ein Captain Abercromby, dessen mutigen Fahrten im Cresta Run besonders erwähnt werden. Es dürfte sich wohl um Mr Abercromby handeln, der den Unglücksbob gesteuert hatte. Der Korrespondent hält weiter fest: "Ohne diese Elite britischer Sportsmänner wird St. Moritz diesen und wohl noch viele weitere Winter über 'tot' sein." Dieser Satz fasst nicht nur prägnant die Situation in den Schweizer Wintersportorten zusammen, sondern zeigt, dass es bereits zu diesem Zeitpunkt klar war, dass der Krieg noch sehr lange dauern würde. Ob Captain Abercromby den Krieg überlebt hat, konnte ich nicht herausfinden. Ev. würde man in Archiven in St. Moritz mehr über sein Schicksal (und das seiner Teamgenossen) erfahren.

Über Miss Swift Fernald hingegen fand ich noch einiges heraus. Die Dame besass nicht nur viel Geld, sondern auch reichlich Persönlichkeit. Nach Kriegsausbruch war sie in einer Hilfsorganisation für französische Verwundete tätig. Sie reiste schliesslich nach Frankreich, um eigenhändig bei der Versorgung von Verwundeten zu helfen. Nach Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg 1917 kümmerte sich um dort stationierte US Marines. Sie folgte den Truppen schliesslich an die Front, um  auch dort Lazarettdienst zu leisten. Für ihren Einsatz wurde sie mit dem Ehrentitel "Little Mother of the Marines" bedacht.  Anscheinend wurde ihre Gesundheit aber nachhaltig geschwächt. Sie starb 1920 an einer Lungenentzündung, die sie sich bei einem Flug von Brüssel nach London geholt hatte. Bei ihrer Beerdigung wurde des Brief eines Majors des USMC verlesen. Der Major schrieb, die "Little Mother of the Marines" hätte den Wert eines ganzen Bataillons gehabt.

* Es handelt sich um den Sunny Corner im Olympia Bobrun St. Moritz Celerina.




Montag, 8. Dezember 2014

Die perfekte Gouvernante


via Graphics Fairy
Der Tourismus und das Hotelwesen brauchten im 19. Jahrhundert Wohlstand und neue Berufsmöglichkeiten in die Alpen. Die Arbeit im Hotel ermöglichte es gerade auch jungen Frauen, sich eine berufliche Karriere vor oder sogar statt der Ehe zu sichern.  Für manche abenteuerlustige Frauen öffnete der Hoteldienst den Weg in die grosse weite Welt und zu Erlebnissen und Abenteuern, von denen ihre Mütter und Grossmütter nicht zu träumen gewagt hatten. Von solchen Biographien liess ich mich für Anna inspirieren, die ich auf der Karriereleiter für weibliche Hotel-Angestellte auf die höchste Sprosse klettern liess: die der Gouvernante. 

Zuerst einmal etwas zur Berufsbezeichung Gouvernante: im Deutschen kann damit eine Erzieherin oder eine Haushälterin im Hotel gemeint sein (vor allem in der Schweiz) in beiden Fällen gilt der Begriff allerdings als veraltet. Die erziehende Gouvernante kennt man aus der Literatur etwas besser, Jane Eyre und Fräulein Rottenmeyer sind berühmte literarische Gouvernanten. Die Hotel-Gouvernante wird heute zumeist als Hausdame oder Neudeutsch Executive Housekeeper bezeichnet. Das englische Housekeeper verweist deutlich auf die Funktion dieser Angestellten: das Haus zu bewahren bzw. in Ordnung zu halten. Die Hotel-Gouvernante ist eine Haushälterin im grossen Stil.

Eine umfassende Beschreibung der Funktionen und Eigenschaften einer perfekten Hotel-Gouvernante fand ich im 1908 erschienenen Guide to Hotel Housekeeping (das sich allerdings nicht mit Grand Hotels, sondern eher mittelständischen Hotels befasst). Die (gekürzte) Liste mit den verlangten Charaktereigenschaften auf S. 7 von Chiffren im Schne1 stammt aus diesem Buch, hier ist sie in voller Länge:

Must be morally correct. Must have a dignified and respectable appearance. Must have executive ability. Must have a good disposition and try to get along with the help. Must be a good listener and not a talker.Must be quiet, giving orders in a firm but low tone. Must be loyal to the management. Must be courteous to guests.

Abgesehen von den moralisierenden Untertönen hat sich das Berufsbild nicht sehr verändert. Hier zum Vergleich eine moderne Berufsbeschreibung

Gouvernanten verfügen über einen ausgezeichneten Sauberkeitssinn und sind äußerst penibel in Sachen Hygiene. Wer als Gouvernante arbeiten will, muss über ein sehr hohes Maß an Freundlichkeit verfügen und ein gepflegtes Äußeres ist Pflicht. Auch ist für diesen Beruf das Beherrschen der englischen Sprache ein Muss. Alle weiteren Fremdsprachenkenntnisse sind von Vorteil. Eine Gouvernante ist ein Organisationstalent und ist in der Lage Mitarbeiter zu motivieren und zu führen.

Anders als die erziehende Gouvernante hat es die Hotel-Gouvernante kaum zu literarischen Ehren gebracht.* Meine Kenntnisse über den Beruf und die damit verbundenen Klischees und Stereotypen stammen aus Familienerzählungen, da sowohl meine Mutter als auch meine Urgrossmutter in Hotels arbeiteten. Zudem gab es im Bereich Geschlechtergeschichte in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche Projekte, die sich mit den Erfahrungen weiblicher Haus- und Hotelangestellter befasst haben.  Der Gouvernante wurden in der "guten alten Zeit" gewisse Eigenschaften nachgesagt: Herrschsucht (betrachtet man die etymologische Wurzel der Gouvernante, das lateinische gubernare/herrschen, ist das nicht weiter überraschend), Pedanterie und Prüderie. Gouvernanten waren Frauen, die in einem Zeitalter, in dem das nicht gerne gesehen wurde, professionelle Autorität ausstrahlen mussten. Sie waren zudem oftmals Frauen, die sich der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter "verweigerten", all das mag die vielen negativen Klischees, die sich um den Beruf ranken, erklären. Sicher kannten diese Frauen, die ihre Karriere oft in den unteren Rängen des Hotels begonnen hatten, all diese Stereotypen und ich habe mich oft gewundert, wie sie damit wohl umgegangen sind. Aus dieser Fragestellung erwuchsen dann manche von Annas inneren Konflikten.

* Etwas besser ergeht es da der klassischen Haushälterin, vor allem im britischen Raum. Als Hüterin der Schlüssel wird ihr in Literatur und Film gerne mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Jüngstes Beispiel ist Downton Abbeys Mrs Hughes, die oft als einzige den Überblick über alle grossen und kleinen Dramen der Herrschaft und der Dienerschaft behält. Und natürlich erfährt man in der Serie auch so einiges über die Anforderungen an den perfekten Valet, mehr davon in einem anderen Beitrag.

Sonntag, 16. November 2014

Das historische Zitat - Stefan Zweig



Stefan Zweig (1881-1942) zur Belle Epoque:
"Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit. (...) Heute, da das grosse Gewitter sie längst zerschmettert hat, wissen wir endgültig, dass jene Welt der Sicherheit ein Traumschloss gewesen."
Stefan Zweig - Die Welt von Gestern

Dienstag, 4. November 2014

Der Rote Teppich der Belle Epoque

Der hier zitierte Artikel aus dem Frühjahr 1914 illustriert die in der Belle Epoque herrschende wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der Mode. Zeitschriften und Journale berichteten regelmässig über die neuesten Modetrends und zwar anhand von Bildern der damaligen Stilikonen Schauspielerinnen wie Sarah Bernhardt, Opernsängerinnen, Damen der feinen Gesellschaft und der damaligen Entsprechung von It Girls.

Besonderes Augenmerk wurde aber den grossen Pferderennen von Ascot, Auteil, Derby, Epsom und Longchamps geschenkt. Was dort getragen wurde, galt als der letzte Schrei. Die Pferderennen waren die Belle Epoque Version des heutigen Roten Teppichs bei Filmpremieren und Award Shows. Ein Überbleibsel dieses Phänomens ist das jährliche Auftauchen der Hutmode beim Rennen von Ascot in den Medien wenn gleich es jetzt weniger um Trends als die Verrücktheiten der (Neu-)Reichen geht.

Die neuesten Schöpfungen der Pariser Mode

Auteil, die westliche Vorstandt von Paris, die durch eine Festungsmauer vom reizenden Bois de Boulogne abgeschieden ist, hat den grossartigsten Pferderennen, die im Frühjahr stattfinden, seinen Namen gegeben. Die Rennen von Auteil bieten der Pariser Damenwelt, der „halben“ und der ganzen, den willkommenen Anlass, sich in den geschmackvollsten und feinsten Erzeugnissen der Bekleidungskunst vorzustellen. Mit einem wahren Raffinement werden alle Vorzüge der persönlichsten Erscheinung von den auserlesensten Meistern des Faches herausgehoben, und was an neuen Geweben, Farben und Federn erschienen ist, wird in künstlerischer Vollendung mit der schönen Trägerin zu einem stilvollen und reizenden Gesamtbild vereinigt.

Mit der "halben" Damenwelt sind natürlich die Geschöpfe der "demimonde" gemeint, die sich immer hart am Rande des Schicklichen bewegten oder auch jenseits davon. Der Begriff geht auf Alexander  Dumas zurück, der damit die elegante, aber ruchbare Welt der Künstler, Kurtisanen und Lebemänner im Paris Mitte des 19. Jahrhunderts umschrieb.

Die ersten Modehäuser der Weltstadt wetteifern, dem guten Geschmack voranzueilen und ihm die Bahn zu weisen und sie bieten alles auf, um beim Rennen von Auteil mit Ehren zu bestehen. Aber nicht reich, nicht verschwenderische und nicht überladen, sondern, zart, verführerisch und mitunter auch blendend, das sind die Eigenschaften, die ein Beherrscher der Mode seinen Erzeugnissen zu geben sucht. Die jetzige Modefarbe heisst natürlich „Tango“, ein intensives, ins Braunrote fliessendes Orange. Die Modebilder, die wir hier wiedergeben, entstammen der glänzenden Schau in Auteil vom 29. März dieses Jahres. „Modetorheiten“ wird mancher sagen, aber wie viel Erwerb von Industrie hängt an dieser Heerschau von Mode.

König der Pariser Modeszene war  Paul Poiret (1879-1944), auch le Magnifique genannt. Seine Entwürfe waren elitär und teuer, weshalb die Gräfin Tarnowska auch nur Kopien besass.  Poiret hatte die Frauenwelt noch vor Chanel vom Korsett erlöst, seine oft stark orientalisch beeinflussten Entwürfe machten das steife Untergerüst unnötig. Zu seinen berühmtesten Schöpfungen gehörten die Haremshose die Lampenschirm-Tunika und der Humpelrock. Die Dame links und die Dame rechts tragen vom Humpelrock inspirierte Modelle.

Der Tango hatte seinen Siegeszug in Europa um 1912/1913 angetreten, natürlich von Paris aus und zum Teil gegen erheblichen behördlichen Widerstand. Der Tango wurde, wie seinerzeit der Walzer, als sittenwidrig und anrüchig betrachtet. Trotzdem oder wohl gerade deshalb setzte ein wahrer Tango-Boom ein: In Paris gab es Tes dansantes und in London Tango Teas. Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg gelten als erste Blützeit des Tango in Europa. Der Tango wird zudem für zahlreiche modische Neuerungen verantwortlich gemacht und tatsächlich galt Orange als die Farbe des Tango. Eine logische Erklärung hierfür konnte ich nicht finden. Eventuell stellte man im Französischen eine etymologisch nicht korrekte Verbindung zwischen Tango und Tangerine (Mandarine) her  ob Pantone Tango der hier beschriebenen Farbe nahe kommt, kann ich nicht sagen.

Vom Pelzjäger im kalten Norden bis zum Seidenzüchter im warmen Süden, vom Webstuhl bis zur fernsten Hütte der Spitzenklöpplerin dringt dieses pulsierende Leben der Mode. Alle liefern so ihre Erzeugnisse dazu, um der neuesten Mode zum Sieg zu verhelfen und  wer von ihr nicht berücksichtigt wird, hat schwer unter ihrer Laune zu leiden. Wie viel Versuche wurden schon gemacht, sich unabhängig von der Mode zu machen, sie herüberzuziehen nach London, Berlin oder Wien. Aber sie lässt sich nicht herbei, auszuwandern, denn überall fehlt ihr das Hauptelement, die hübsche und chicke Pariserin mit ihren lachenden Augen, ihrer schlanken Gestalt und ihrem graziösen Gang. Pariserin und Mode sind eins geworden und werden es auch wohl noch recht lange bleiben, trotz Reformbestrebung und Konkurrenzneid der übrigen Grossstädte, die selbst jede tonangebend sein möchte.
 
Dieser Abschnitt illustriert eindringlich die wirtschaftliche Verflochtenheit, die dieses erste globale Zeitalter auszeichnete. Ebenfalls zu spüren, wenngleich in spielerischer Form ausgedrückt, ist ein weiteres Merkmal der Epoche: der ausgeprägte Nationalismus. Grosse Modehäuser gab natürlich in anderen europäischen Hauptstädten (vor allem London) und dass um die Vormacht auf dem lukrativen Markt gerungen wurde, ist nicht weiter überraschend. Ob es wirklich die Pariserin war, welche Frankreich die modische Vormachtstellung sicherte, sei dahingestellt. Frankreich hatte sich bereits im 18. Jahrhundert als Modezentrum etabliert. Das Klischee von der Pariserin als ultimative Verkörperung von Stil und Eleganz wurde wohl um diese Zeit geboren und hat bis heute zahlreiche Revolutionen und Kriege überdauert.
Schweizer Illustrierte Zeitung Heft 15/1914


Donnerstag, 16. Januar 2014

Wintersportmode in der Belle Epoque


Ein Bob-Team in weissen Jerseys, Postkarte Arosa 1914.

Als Lady Georgiana beschloss, Unterricht in Eiskunstlauf zu nehmen, hatte ich ein Problem. Ich wusste nicht, was eine modebewusste Belle Epoque Dame dazu anziehen würde. Für die Sommersportarten wie Schwimmen und Fahrradfahren hatten sich notwendigerweise eigene, oft den Zeitgeist schockierende (Damen-)Moden entwickelt. Bei den Witnersportarten sah das etwas anders aus. Wenn man entsprechendes Bildmaterial studiert, dann macht es den Anschein, als hätten die Damen und Herren einfach bequeme Alltagskleidung angezogen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber, wie eine bestimmte Art von Kleidungsstücken immer häufiger auftaucht, die sonst von den feinen Herrschaften nicht getragen wurden: Cardigans oder Jerseys  das heisst, gestrickte Jacken oder Pullover.*

Winterausflug eines Töchterpensionats in  Grindelwald 1914. Hier scheint der Trend zu weiss (und zu Fasanenfedern) schon in den pubertären Gruppenzwang umgeschlagen zu haben. Und auch was das Sportgerät anbelangt, liess frau sich nicht lumpen: neben Holzschlitten sind hier Velogemel zu sehen (wurden 1911 zum Patent angemeldet).
Ebenfalls auffallend ist, wie häufig man der Farbe Weiss begegnet. Im späten 19. Jahrhundert war Weiss zur bevorzugten Sommerfarbe der Oberschicht geworden, weisser Kleidung wurde ein kühlender Effekt zugeschrieben, zudem war sie aufwendig in der Pflege und deshalb entsprechend exklusiv. Im sportbegeisterten Grossbritannien hinterliess der Trend besondere Spuren: Tennis wurde zum weissen Sport (ebenso Cricket). Und da viele Wintersportarten von den britischen Gästen eingeführt und gepflegt wurden, kann man wohl vermuten, dass die Gentlemen die Jerseys und Cardigans, die sie an kühlen Sommertagen für Tennis oder Cricket überstreiften, einfach beibehielten. Der Wechsel von Baumwolle zur Wolle lag auf der Hand, aber die bevorzugte Farbe blieb Weiss.

Lady Georgiana trug dann aber einen hellblauen Cardigan, weil sie natürlich nicht blind jeder Mode folgte (und ihr die Farbe besser stand).

*Feinstrick, sogenannter Jersey wurde für Unterwäsche verwendet. Zumindest bis Mademoiselle Chanel 1916 den Nerv hatte, daraus eine Kollektion zu schneidern und damit eine Meilenstein der Modegeschichte zu schaffen.



Dienstag, 22. Oktober 2013

Das Parfum der Gräfin Tarnowska

via Graphics Fair



Zuerst ein Geständnis  ich habe Jicky, das Parfum der Gräfin Tarnowska, noch nie gerochen. In frühen Fassungen der Chiffren verwendete die Gräfin einfach ein etwas heftiges Parfum. Doch während der letzten Überarbeitung des Textes stiess ich bei Recherchen zu anderen Themen immer wieder auf Jicky und seine Geschichte, das war wohl so eine Art Wink mit dem Zaunpfahl.

Und weil ich eben nicht wusste, wie Jicky denn nun genau roch, machte ich mich auf in die Welt der ParfumAficionados. Einige Blog und Forenbesuche später war mir klar, dass das eine eigene Welt mit einer Sprache ist, die jener der Oenologen in nichts nachsteht; durchzogen von einer schon fast philosophischen Schwermut über die Vergänglichkeit aller Dinge: immer wieder wird das Verschwinden von Düften beklagt; manche Liebhaber erwerben für teures Geld Flakons verschwundener Parfums, nur um einen Abglanz der alten Herrlichkeit zu erschnuppern. Dazu gehört eben auch Jicky, das in der Urform von 1889 nicht mehr erhältlich. Hier eine Beschreibung dieser Version in der Sprache der Parfumeure:

Die Kopfnoten aus Lavendel, einer Mischung von Zitrusnoten (Bergamotte, Zitrone, Mandarine) kreieren einen funkelnden Kontrast zu den krautigen Noten, die an und wieder abschwellen, bevor leicht metallische Iris und erdige Rose mit einem Hauch Vetiver erscheinen. Diese kühlen Kopf und Herznoten bilden ein elegantes Gegenstück zu der warmen Basis aus üppiger Vanille, mildem Amber und Moschus. Ein Hauch Leder und Weihrauch runden die Komposition ab und verleihen ihr eine unterschwellige Sinnlichkeit. Wer mit Shalimar vertraut ist, wird denselben FeuerundEisEffekt in Jicky wiedererkennen.*

In der Parfumgeschichte gilt Jicky als Meilenstein, nicht nur wegen der Verwendung synthetischer Stoffe, sondern vor allem aufgraund seiner ungewohnten Intensität und Duftsprache. Was Jicky so besonders macht(e), ist wohl das Zibet in der Basisnote, an dem sich übrigens die Geister scheiden. Das Zibet soll für das Animalisch-Sinnliche, das dem Parfum nachgesagt wird, verantwortlich sein. Dass Jicky bereits zu seiner Entstehungszeit ein verwirrender Duft war, zeigt sich auch in den Legenden um seinen Namen  in einer Version handelt es sich um den Spitznamen einer Geliebten aus der Jugendzeit seines Erschaffers, Aimé Guerlain – in einer anderen Version soll es sich um den Spitznamen seines Neffen handeln, der übrigens später auch ein berühmter Parfumeur wurde. Jicky wurde und wird denn auch von beiden Geschlechtern verwendet. Es galt auf auf jeden Fall als sinnlich oder eben verrucht; ein Duft, wie geschaffen für die Gräfin. 

(In der Reformulierung ist Jicky immer noch erhältlich, anscheinend ist diese etwas "sanfter" als die Urversion, aber immer noch gilt Jicky als "heftiger" Duft. Das zeigt sich wohl auch daran, dass es am häufigsten mit dem ausserhalb der Welt der ParfumLiebhaber besser bekannten Shalimar verglichen wird, das auch nicht gerade als dezent gilt.)

PS: Lady Georgiana trug wahrscheinlich einen Duft von Monsieur Coty.

* Die Beschreibung stammt von Bois de Jasmine: Perfume and Other Fragrant Pleasures  einem aussergewöhnlichen Blog nicht nur für ParfumLiebhaber. Nebst ParfumBesprechungen gibt es dort auch Informationen zu Herstellungstechniken, Parfumgeschichte, Inhaltsstoffen und vieles mehr.

Donnerstag, 19. September 2013

Hotelpreise, Spa und Wellness zu Zeiten der Belle Epoque


Das Splendid war ein teures Haus. Doch was genau heisst das in dieser Epoche? Eine Postkarte für das Hotel Baur au Lac in Zürich aus dem Jahr 1911 gibt freundlicherweise Auskunft. Das Baur au Lac war (bzw. ist) eines der besten Häuser am Platze und bewegte sich deshalb in einer ähnlichen Preisklasse wie das Splendid.


Nun sind die Preise von Fr. 3.50 pro Tag  bzw. Fr. 10.00 beschränkt aussagekräftig. Und das nicht nur wegen der Inflation, sondern auch, weil sich der Wert von Dienstleistungen in den letzten 100 Jahren dramatisch verändert hat. Früher konnte sich ein gutbürgerlicher Haushalt eine Köchin und/oder ein Hausmädchen leisten, weil deren Löhne im Vergleich zum Einkommen des Familienoberhauptes sehr viel niedriger waren.

Natürlich fragt man sich hier, wie viel denn die Angestellten eines solchen Hauses verdienten. Der Küchenchef des Hotel Splendide in Lugano (das gab es wirklich) verdiente im Jahr 1904 Fr. 300 monatlich. Er war der am besten bezahlte Angestellte, die Gouvernante erhielt Fr. 50 monatlich.*

Die Postkarte ist aber auch wegen des unter Baur au Lac-Bad aufgelisteteten Bäder- und Kurangebots interessant: Römisch-Irische Bäder sind eine Kombination aus Heissluft- und Thermalbädern. Bei den Elektrischen Strahlen-Bädern handelt es sich um elektrotherapeutische Angebote, damals der letzte Schrei. Die entsprechenden Anlagen sehen für das moderne Auge wenig vertrauenerweckend aus, doch damals war das der letzte Schrei. Duschen und Kaltwasserbehandlungen gehörten zur ebenfalls sehr beliebten Hydrotherapie. Schwedische Heil-Massagen und Gymnastik waren eine Vorform der modernen Physiotherapie. Eine solche Vielfalt von Therapien fand man sonst eher in abgeschiedenen Kurhotels vor. Das Baur au Lac (Bad) aber bot gutbetuchten Gästen ein Kurprogramm im städtischen Umfeld an; allerdings ohne dies so zu deklarieren; die Kur war immer noch medizinisch belastet, hier weht aber schon der Geist von Spa und Wellness durch Salons und Therapieräume, wie auch DamenFrisierSalon im Haus belegt – der Besuch beim Friseur gehörte wohl schon damals, wenngleich um einiges aufwendiger  zum weiblichen Wohlfühlprogramm.




*Thierry Ott: Palaces. Die schweizerische Luxushotellerie, YenssurMorges 1990.
Wer historische Geldwerte genauer einschätzen möchte, kann es auch hier versuchen.

Samstag, 9. März 2013

Literaturtipp: Der Hase mit den Bernsteinaugen


via Graphics Fairy
Für Band zwei wollte ich etwas weiter zu japanischer Kunst recherchieren  vor allem die kleinen inro genannten Behälter, die man am Gürtel trug, hatten es mir angetan. Ich wollte mehr über diese Objekte und die Geschichte der abendländischen Faszination mit fernöstlicher Kunst erfahren. So stiess ich auf Edmund de Waals Der Hase mit den Bernsteinaugen – ein beeindruckendes und faszinierendes Buch, das in essayistischer Schreibweise ungemein viel Wissen, aber noch mehr Menschlichkeit vermittelt.

Edmund de Waal ist ein englischer Keramikkünstler, dessen Werke stark von der japanischen TöpferTradition beeinflusst sind; zudem betätigt er sich auch als Dozent für Kunstgeschichte und Ausstellungskurator. Der Hase mit den Bernsteinaugen erzählt die Geschichte einer Kunstsammlung, die de Waal von seinem in Japan lebenden Grossonkel Izzie erbte. Diese Sammlung besteht aus über 250 netsuke, kleinen geschnitzten Objekten, die man im alten Japan als Gegengewicht zum inro ebenfalls am Gürtel trug. Netsuke sind oft sehr aufwendig gearbeitete kunsthandwerkliche Meisterstücke, weshalb sie auch zu beliebten Sammlerstücken wurden.*

Doch einfach zu sagen, dass de Waal von Paris über Wien und Tokio nach London (mit einem Umweg über Odessa) die Geschichte der netsuke recherchierte, bedeutet, dem Buch und seinem Autor nicht gerecht zu werden. De Waal geht ganz bewusst nicht wie ein Historiker vor, dies trotz beeindruckender historischer Recherche (so erfährt man beispielsweise nebenbei spannende Details zur Architekturgeschichte von Paris und Wien). Er benutzt die Geschichte der Sammlung nicht als Aufhänger für eine kunsthistorische Abhandlung, vielmehr beharrt er auf einer taktil definierten Perspektive: Er will nicht einfach wissen, wer die Sammlung aufbaute und wie sie von Generation zu Generation weiter gereicht wurde. Vielmehr kehrt de Waal immer wieder zu den netsuke zurück  will wissen, wie sie aufbewahrt wurden, in welcher Umgebung sie ausgestellt wurden; wer sie in die Hand nehmen durfte und wer nicht; wer sie sehen konnte und wer nicht. (Vor allem die letzteren beiden Fragen spielen im vielleicht eindrücklichsten Kapitel des Buches eine Schlüsselrolle). Daraus ergibt sich eine Intensität der Erzählung, der man sich kaum entziehen kann.

De Waal verweigert sich auch dem Blickwinkel des Familienhistorikers und das ist angesichts der Saga, die sich hier verbirgt, eine eindrückliche Leistung. Der volle Name des Grossonkels Izzie lautete nämlich (Baron) Ignaz Leo Ephrussi. Die Ephrussis stammten aus der Ukraine, wo der Patriarch der Familie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein auf Getreidehandel gegründetes Imperium erschuf; seine Söhne schickte er nach Paris und Wien, wo sie zur Gründerzeit den Ausbau des Familiengeschäftes vorantrieben und Bankhäuser eröffneten. Der Reichtum der Familie war sagenhaft, ebenso ihr Ruf als Kunstsammler. Mit den Rothschilds waren die Ephrussis verschwägert. Die Geschichte der Ephrussis in Paris und Wien ist voller schillernder Namen: Charles Ephrussi, der die netsuke Sammlung in den 1870er Jahren in Paris anlegte, war Kunsthistoriker und Publizist. Er war mit allen grossen Namen des Impressionismus bekannt und soll Proust als eines der Vorbilder für Swan gedient haben. Elisabeth von Ephrussi, de Waals Grossmutter, verfasste in ihrem Zimmer im Palais Ephrussi, einem der prächtigsten Gebäude an der Wiener Ringstrasse, Gedichte, die sie Rilke zur Begutachtung sandte. De Waal bemerkt in seiner Einleitung (die übrigens der einzig etwas schwerfällig zu lesende Teil des Buches ist, es lohnt sich aber durchzuhalten), dass es leicht gewesen wäre, melancholische Bilder einer perfekten Belle Epoque Welt und deren Untergang zu beschwören  sich einer sepia-getönten Saga des Verlustes hinzugeben. Doch er verweigert sich den Versuchungen der Nostalgie ebenso wie der historischen Analyse: die netsuke bleiben der stete Bezugspunkt der Geschichte, die er erzählen will. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – wird er den vielen Persönlichkeiten, die mit den netsuke in Berührung kamen, in Charakterbildern, die Widersprüche, Lücken und Risse zulassen, gerecht.

Der Hase mit den Bernsteinaugen ist keine kunsthistorische Abhandlung und doch erfährt man viel über japanische Kunst und ihre Rezeption im Abendland im sogenannten Japonisme, über den Impressionismus und den Kulturbetrieb im Paris des späten 19. Jahrhunderts. Der Hase mit den Bernsteinaugen ist auch keine Studie über den Aufstieg und Fall einer jüdischen Dynastie und doch sind die Themen Assimilation und Antisemitismus stets gegenwärtig, manchmal nur im Hintergrund und dann wieder in ihrer ganzen bedrückenden Wucht, dies vor allem in den Kapiteln zum Anschluss: das Palais Ephrussi gehörte zu den ersten Häusern, die 1938 arisiert wurden. Wie die netsuke den Zweiten Weltkrieg überstanden und wie sie zurück zur Familie Ephrussi fanden, sei nicht verraten; gerade hier zeigt sich die Stärke von de Waals Ansatz – die Wucht seiner Erzählung entfaltet sich in der Beantwortung der oben erwähnten scheinbar so schlichten Fragen.

Der Hase mit den Bernsteinaugen ist eine aussergewöhnlich poetische, manchmal schmerzhafte und manchmal wunderschöne Reise durch die Zeit, die sich jedem Versuch einer Kategorisierung konsequent entzieht. Ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.

Edmund de Waal: The Hare with Amber Eyes:  a Hidden Inheritance, London 2010 / deutsch: Der Hase mit den Bernsteinaugen – Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi, Wien 2011.


*In der Sammlung, die de Waal erbte, befindet sich auch ein in Form eines Hasen gearbeiteter netsuke und so kam das Buch zu seinem Titel.

Donnerstag, 31. Januar 2013

Paläste am Alpenquai: Weisses Schloss, Rotes Schloss und Tonhalle


Tonhalle, Rotes Schloss und Weisses Schloss* am Alpenquai in Zürich (seit 1960 General-Guisan-Quai) sind anders als das Splendid nicht frei erfundene Gebäude  weshalb ich von ihnen auch Bildmaterial präsentieren kann. Die 1913 gelaufene Postkarte zeigt die Quai-Anlage, so wie Anna sie bei ihrer Ankunft in Zürich in Kapitel 3 erlebt haben dürfte: ganz rechts ist die Tonhalle zu sehen, in der Mitte das Rote Schloss und links davon das Weisse Schloss (dahinter der Turm der Kirche Enge).

Die beiden Schlösser wurden unmittelbar nacheinander zu Beginn der 1890er Jahre erbaut. Das Weisse Schloss war das erste am Alpenquai fertiggestellte Gebäude, Architekt war Heinrich Honegger-Näf. Die Gestaltung des Gebäudes orientiert sich an der Repräsentativarchitektur des französischen Frühbarock. Das von Heinrich Ernst entworfene Rote Schloss ist im Stil der Loire-Schlösser gebaut. Die beiden Wohnpaläste befinden sich an bester Lage mit Blick auf den See, die Alpen und den Zürcher Hausberg, den Uetliberg. Sie waren mit allem Luxus der Zeit ausgestattet: einer Zentralheizung, WarmwasserAnschlüssen, elektrischem Licht und einem Lift. Die Wohnungen waren natürlich nur für das gutbetuchte Grossbürgertum erschwinglich.  Beide Schlösser stehen inzwischen unter Denkmalschutz  die Wohnungen sind grösstenteils zu Büroräumlichkeiten umgebaut.

Die 1895 eröffnete Tonhalle war mit ihren Türmen und der Kuppel vom Pariser Trocadéro inspiriert, das eine Mischung klassischer und orientalischer Architektur darstellte. Nicht allen gefiel der fantastische ArchitekturMix, die NZZ schrieb anlässlich der Eröffnung von einem "chinesisch-mexikanischen Renaissancebau". In den 1930er Jahren wurde die Tonhalle zum Kongresshaus umgebaut, Rotunde und Türmchen wichen einem modernem Neubau  die beiden Konzertsäle blieben aber erhalten. In den Gartenanlagen der Tonhalle gab es ein Restaurant und einen Musikpavillon. Während in den Konzertsälen der Tonhalle der klassischen Musik gefrönt wurde, spielte man hier Volks- und Salonmusik. Es wurde getanzt und es gab dort auch eine Rollschuhbahn. Ich glaube, Anna wird in Band 2 dort wohl einige Runden drehen.

*Das Weisse Schloss besitzt zwar keinen eigenen Wikipedia-Eintrag, dafür kam es im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen, weil dort angeblich ein privater Geheimdienst eine Zweigniederlassung betreibt.

Montag, 24. September 2012

Madame Gérard mit Hut

via Vintage Feedsacks
Auf dieses Bild stiess ich erst, nachdem das Manuskript zu Chiffren im Schnee fertig war. Aber der Hut und die Farben des Kostüms haben mich sofort an Madame Gérard rinnert.

Die Dame trägt einen sogenannten Wagenradhut. Diese Modelle beherrschten die Damenhutmode etwa von 1905-1912 (wie gesagt, Madame Gérard war modistisch nicht ganz en vogue aber dafür hatte sie ihre Gründe). Die Hüte mit enormer Krempe wurden mit langen Hutnadeln (die Dinger konnten bis zu 30 cm messen) in komplizierten Hochsteckfrisuren, die manchmal mit Haarteilen noch mehr Volumen erhielten, befestigt.

Eines der berühmtesten Modelle dieser Mode ist in Titanic zu bewundern.  In der Szene zu Beginn, in der Rose am Pier zu sehen ist. Allerdings trägt Rose den Hut mit zur Seite herunter gezogener Krempe, was leicht verrucht wirkt. So etwas hätte Madame Gérard nie getan!

Mehr zum Thema Hut– und Frisurenmode in der Belle Epoque.

Montag, 17. September 2012

Ein Hotel ohne Plan

Das Grand Hotel Splendid existiert nicht. Es ist ein Fantasieprodukt entstanden aus einer langen Faszination mit den alten Hotelpalästen, die wie etwas deplatzierte Traumschlösser in der Bergwelt eine kurze Zeit lang Luxus und Pracht verbreiteten und dann über Jahrzehnte ums Überleben kämpften.

Als Kind liebte ich zudem Geschichten, die im Hotel spielen: wie die inzwischen fast gänzlich vergessenen Fernsehserie Hallo - Hotel Sacher... Portier und natürlich habe ich mir auch das sehr viel glanzvoller amerikanische Gegenstück Hotel angesehen. Später dann hatte ich immer wieder beruflich mit Grand Hotels zu tun. Ich habe Briefe von Gästen, Tagebücher und Lebenserinnerungen von Angestellten ausgewerte und für eine Weile arbeitete ich auch in einem solchen Haus, das die Zeitläufte überlebt hatte. Die Idee, einen Roman zu schreiben, der in einem Grand Hotel spielte, liess nicht lange auf sich warten - wohl aber die Durchführung.

Als es dann endlich so weit war, wurde mir schon bald klar, dass ein Plan vom Handlungsort her muss. Mit meinem schlechten räumlichen Vorstellungsvermögen würde das Splendid sonst bald räumliche Irrungen und Wirrungen enthalten, die einer Escher Grafik alle Ehre bereiten würden. Ich wälzte Bücher zur Geschichte der Grand Hotels und studierte historisches Bildmaterial. Natürlich konzentrierten sich die Fotografen auf die repräsentativen Schmuckstücke der Hotels: die Fassaden, Foyers und Speisesäle. Die Infrastruktur der Hotels, Arbeitsräume, Hotelküchen und Lingerien wurden selten abgelichtet. Publikationen zur Alltagsgeschichte und private Fotsammlungen von Hotelangestellten halfen dabei, diese Lücken zu schliessen.

Ich erinnere mich an die Besichtigung eines frisch restaurierten Jugendstilhotels. Es war ein heisser Sommertag und das ganze Haus stand den Besuchern offen. Die Salons und Speisesäle im Erdgeschoss waren sorgfältig wiederhergestellt worden. Die Gästezimmer indes hatte man natürlich modernen Bedürfnissen angepasst. Doch das interessierte mich nicht - ich folgte den Treppen immer weiter nach oben, bis es nicht mehr weiter ging und ich die ehemaligen "Angestelltenquartiere" unter dem Dachstuhl erreicht hatte. Dort herrschte brütende, muffige Hitze. In den nun als Abstellräume genutzten Mansarden war kaum Platz aufrecht zu stehen und der Gang war so eng, dass man kaum nebeneinander gehen konnte. Das vermittelte einen lebhaften Eindruck davon, wie die Hotelangestellten gelebt hatte. Und warum die Tuberkulose auch "Hotelkrankheit" genannt wurde: Nicht wegen der Sanatorien für Lungenkranke, die manchmal von Hotels kaum zu unterscheiden waren, sondern weil sie besonders häufig unter Hotelangestellten anzutreffen war, die in engen, schlecht gelüfteten Unterkünften zusammen hausen mussten. Es war ein wenig romantischer Blick hinter die Kulissen.

Schliesslich war ich so weit, dass ich einen Plan des Splendids zeichnen konnte. Ich rechnete die angemessene Zimmerzahl aus, lokalisierte die einzelnen Salons im Hochparterre und zeichnete Stockwerkpläne. Dieser Plan begleitete mich über ein Jahrzehnt. In dieser Zeit veränderte sich die Geschichte und die Charaktere - im allerersten Entwurf hiessen sie noch Victoria und David (dann tauchten die Beckhams in der Yellow Press auf). Auch war die Geschichte zuerst nicht als Krimi oder gar als Spionageroman konzipiert. All das veränderte sich über die Jahre, doch eines blieb stets gleich - der Handlungsort, das Grand Hotel Splendid und sein Grundriss.

Ich bin leider nicht annähernd so ordentlich wie Anna und so wurde es irgendwann im Verlaufe dieses Sommers wieder einmal bitter nötig, meinen Schreibtisch auszugraben. Kurze Zeit später bemerkte ich, dass der Plan des Splendids verschwunden war. Er musste dem unerwarteten Anfall von Ordnungswut zum Opfer gefallen sein. Zuerst konnte ich es kaum fassen und war entsetzt. Wie hatte mir das nur passieren können?

Aber dann kam mir ein anderer Gedanke: Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, dass der Plan fort ist. Er wird nicht mehr gebraucht. Inzwischen habe ich das Splendid ja "gebaut". Es steht da, bezugsbereit für alle, die sich auf das Abenteuer einlassen wollen. In diesem Sinne wünsche ich viel Lese-Vergnügen im planlosen Hotel!

KB

Im Splendid kann man zwar nicht mehr nächtigen, doch es gibt Alternativen :
Und für die Recherche:
Historische Hotels
Hotelarchiv Schweiz